Die Entstehung des Toile-de-Jouy-Samplers

Veröffentlicht am: 21.12.2014 10:15:52
Kategorien: Museen und Kulturgut Rss feed

Titel des Toile-de-Jouy-Samplers: Die Stoffkartusche in Kreuzstich

Der Sampler ist von mir mit einer historischen Kartusche (franz. chef de pièce) versehen. Die Inschrift am Kopf und Ende einer Stoffbahn trug damals den Namen der herstellenden Manufaktur und wurde durch ein königliches Dekret vom 10.November 1785 verpflichtend. Daher ist es heute möglich, die Entwicklung der einzelnen Unternehmen geschichtlich sehr genau zu verfolgen. Die auf dem Sampler reproduzierte Kartusche wurde zwischen 1789 und 1792 bedruckt, also zum goldenen Zeitalter der Jouy-Manufaktur, als Christophe Philippe Oberkampf der alleinige Besitzer war. Später erhielt die Kartusche mit „Widmer“ und „Barbet de Jouy“ weitere Namenszüge.

Die Kartusche der Oberkampf-Manufaktur in Kreuzstich gestickt

Zur damaligen Zeit waren die Ausmaße der Kartusche auf den Stoffbahnen ca. 3 bis 3,5 cm hoch und 26 bis 43 cm breit. Um dem Größenverhältnis gerecht zu werden, ist sie auf dem Sampler 4,5 cm hoch und etwas mehr als 50 cm breit. 

Der Jouy-Stoff über die Herstellungsverfahren in der Manufaktur aus dem Jouy-Museum





Unter den zahlreichen Museumsexponaten hat mir der Stoff mit Namen Travaux de la Manufacture (Herstellungsverfahren in der Manufaktur - siehe Bild) besonders gut gefallen. In einem scheinbaren Durcheinander sind die einzelnen Schritte des Druckverfahrens in der Jouy-Manufaktur dargestellt. Die mir am schönsten scheinenden Motive wählte ich für meinen Sampler aus.

Die schwierigste Aufgabe bestand darin, dem Stickergebnis das Aussehen eines gewebten und bedruckten Stoffgewebes zu verleihen. Nach ersten enttäuschenden Stickversuchen entschied ich mich, mit den traditionellen Regeln des Kreuzstiches zu brechen, indem ich zwei unterschiedliche Garnfarben für ein Kreuz verwende. Vor allem stickte ich die Stiche nicht alle in die gleiche Richtung. Die zahlreichen halben Kreuzstiche stickte ich ebenfalls in unterschiedlichen Richtungen. Das Ergebnis erscheint mir doch ziemlich überzeugend.

 

 

Links das Bedrucken der Toile-de-Jouy in Kreuzstich, rechts der Originalstoff

 

Wie schon erwähnt hat der Stoff Les Travaux de la Manufacture für den Toile-de-Jouy-Sampler Pate gestanden.
Die Stoffe wurden nicht nur mit Personendarstellungen, sondern auch mit anderen Motiven bedruckt, wie Sie später lesen werden.

Vor dem Druck muss das unbearbeitete Gewebe in unterschiedlicher Weise grundlegend vorbehandelt werden. Um die durch den Webvorgang entstandene Steife auszuspülen, wird es zunächst mehrmals mit dem Wasser des kleinen Flusses Bièvre gewaschen, dessen Reinheit das wichtigste Auswahlkriterium für die Ansiedlung der Manufaktur gewesen war.

Um die Härchen der Oberfläche anzusengen, wird das Gewebe nach dem Waschen über eine glühende Kupferplatte gezogen (geröstet) und anschließend erneut gewaschen. Nach dem Glätten (Mangeln) durch einen Kalander erfolgt schließlich das Beizen (mordançage). Letztes erfordert wiederum zahlreiche Einzelschritte.

Hier ist das Bedrucken mittels Holzblöcke dargestellt. Diese Technik wurde in Frankreich seit den Anfängen der Indiennes-Herstellung verwendet. Ab 1770 kam der Druck mittels Kupferplatte (Plattendruck) und später, aus Großbritannien importiert, das Druckverfahren mittels Kupferwalze (Walzdruck) hinzu.
Zur Stickpackung Das Bedrucken der Toile de Jouy.


Links die Krappfärbung der Toile-de-Jouy in Kreuzstich, rechts der Originalstoff

Auf das Beizen folgt die Krappfärbung (Le Garançage).
Der Hauptfarbstoff der Krappfärbung ist Alizarin, das in den Wurzeln mehrerer Rubia-Arten vorkommt. Der rote Krapp-Farbstoff färbt nur sehr schlecht auf pflanzlichen Fasern. Diese müssen vor dem Färbegang mit einem Metallsalz gebeizt werden. Die Metalle bilden dann mit dem Farbstoff Farblacke, die auf der Faser haften und waschbeständig sind. Üblich ist die Verwendung von farblosen Beizmitteln auf Alaun- oder Eisenbasis.

Bei der Krappfärbung wird das Gewebe in ein kochendes Bad aus Krappwurzeln eingelegt. Dadurch werden an den vorbehandelten Stellen je nach Beizmittel die Farben Rot, Rosa, Violett, Braun und Schwarz fixiert. Für eine gleichmäßige Färbung laufen die aneinandergebundenen Stoffe über eine kleine Rolle. (Dieser Vorgang ist auf der Abbildung links sehr gut zu erkennen. Rechts sieht man das Feuer in der Hütte zum stetigen Kochen der Lauge)

Die Präzision des Drucks hängt von der richtigen Beizlösungskonsistenz ab. Dafür werden die Beizlösungen mit unterschiedlichen Gummistärken verdickt. Anschließend muss die überflüssige Beize entfernt und die Farbe befestigt werden. Dies geschieht in einem Kuhmistbad. Durch die Krappfärbung werden wasch- und lichtechte Farben erzielt. 
Zur Vorlage Die Krappfärbung der Toile de Jouy.


Links das Bleichen der Toile-de-Jouy in Kreuzstich, rechts der Originalstoff

Nach der Krappfärbung blieben die nicht gebeizten Stellen rosa. Um die unerwünschte Färbung zu entfernen, wurden die Stoffteile der Rasenbleiche unterzogen. Auf Wiesen in Flussnähe wurden sie flach ausgelegt und täglich sieben bis acht Stunden lang feucht gehalten. Auf der Abbildung ist die Rasenbleiche im Vordergrund zu sehen. Im Hintergrund hängen farbige Stoffe zur Trocknung an einem Manufakturgebäude. Im Museum ist eine Gouache ausgestellt, die die Trocknung von farbigen Stoffen zeigt. 
In den glorreichen Zeiten der Manufaktur wurden die Speicherräume des über 111 m langen Hauptgebäudes für die Trocknung der Stoffbahnen benutzt. Für eine gute Belüftung sorgte eine lange Reihe von Gauben.

Zur Stickpackung Das Bleichen der Toile de Jouy.


Links die Pinselarbeiterinnen der Toile-de-Jouy in Kreuzstich, rechts der Originalstoff

Manche Farben können durch Krappfärbung nicht erzielt werden. Grün, Blau und Gelb sind sogenannte Applikationsfarben, die nach der Krappfärbung appliziert werden müssen. Wenn die zu gestalteten Flächen groß genug sind, werden die Stoffe in das Druckatelier zurückgebracht, wo sie mittels Kupferplatte bedruckt werden. Wenn es allerdings um kleine Stellen geht, die die Verwendung einer Kupferplatte nicht rechtfertigen,
müssen die Farben durch die Pinselarbeiterinnen von Hand appliziert werden.
1793 beschäftigte die Manufaktur 300 Pinselarbeiterinnen. Für die Pinsel benutzen sie ihr eigenes Haar.

Um die Farbe Grün zu erzielen, musste zunächst eine Gelb-Schicht aufgetragen werden, der eine Blau-Schicht zu folgen hatte. Dies galt bis zur Erfindung des synthetischen Grüns 1808 durch Samuel Widmer, einen Neffen Oberkampfs. Der Wachsvorgang ist der letzte Schritt in der Herstellung. Die frisch aufgetragenen Farben werden mit einer Schicht aus Wachs und Stärke im Kalander (Walze) heiß fixiert.
Durch Polieren mit einer Kugel aus Achat konnte man manche Stoffbahnen satinieren und den Farben auf diese Weise Glanz verleihen. 
Von 1780 bis 1805 beschäftigte die Manufaktur mehr als 1000 Arbeiter, mit den Arbeitern der Chantemerle-Weberei in Essonnes sogar 1400.

Zur Stickvorlage Die Pinselarbeiterinnen der Toile de Jouy.

Links Christophe Oberkampf und sein Sohn Emile, rechts Jean-Baptiste Huet, Zeichner für die Manufaktur

Links Herr Oberkampf mit seinem Sohn Émile. Rechts: Jean-Baptiste Huet (1745-1821) Maler, Zeichner und Radierer.
Er lieferte der Manufaktur zahlreiche Entwürfe u.a. diese 1783 im Plattendruck entstandene meisterhafte Komposition.

Die Zusammenarbeit mit berühmten Künstlern wie Huet und Chemikern wie Gay-Lussac und Berthollet trug maßgeblich zur Bekanntheit und zum Ruhm der Manufaktur bei. 


Das Mustertuch sollte wie ein einfarbig bedruckter Stoff wirken und die Farbe unterschiedliche Intensitäten aufweisen. Diese Aufgabe mit 3 Stickgarn-Referenzen zu lösen, war eine enorme Herausforderung. Das Ergebnis sollte das subtile Gleichgewicht zwischen farblicher Heiterkeit einerseits und leicht verblassten Aussehen des Gewebes anderseits widerspiegeln. Die Figur des Herrn Oberkampfs schien mir für die Stickversuche idealerweise geeignet. 

Diverse Farbversuche für den Toile-de-Jouy-Sampler

1. Versuch: Mit Retors du Nord Nr. 2028 (Rost), 2469 (Rosenholz) und 2479 (Puder).
Das Ergebnis wirkt trist und der Farbkontrast ist nicht gut.

2. Versuch: Mit Retors-du-Nord Nr. 2028 (Rost), 2033 (Gladiole) und 2469 (Rosenholz).
Zu dunkel – Der Farbunterschied ist zu stark.

3. Versuch: Mit Retors-du-Nord Nr. 2032 (Türkischrot), 2469 (Rosenholz) und 2535 (Zartrosa).
Das Ganze wirkt zu lebhaft und dadurch auch zu modern.

4. Versuch: Mit Retors-du-Nord 2033 (Gladiole), 2469 (Rosenholz) und 2447 (Rosa).
Das ist die richtige Farbzusammenstellung. Der verblasste Farbton der Referenz 2033 passt hervorragend zum Rot der Toiles-de-Jouy.


 

Die fünf im Druckverfahren verwendeten Farben: Rot, Blau, Violett, Bronze und Braun

Auch wenn man mit dem Begriff Toile-de-Jouy sofort die Farbe Rot assoziiert, wurden in der Manufaktur noch weitere Farben wie Blau, Violett, Bronze und Braun bedruckt. Die hier gezeigten Farbmuster erinnern daran.


Es lag mir am Herzen, in dem Mustertuch nicht nur die berühmten Figurenstoffe sondern auch die anderen weniger bekannten Produkte aus der Manufaktur vorzustellen.

Die verschiedenen in Jouy bedruckten Stoffe: Bonnes Herbes, Mignonnettes und Indiennes

Damit die Motive Bonnes Herbes und Indiennes wie Stoffmuster aussehen, wurden sie zunächst auf unterschiedlichen Leinen gestickt und anschließend auf den Sampler appliziert.

Näheres über die Blumenstoffe erfahren Sie im Artikel Die Produktion in der Oberkampf-Manufaktur in Jouy.

 


Die Bordüre des Sticksamplers im Stil der zu Indiennes passenden Stoffbordüren

Zu den Indiennes-Stoffen für Inneneinrichtung gehörten immer zwei passende Bordüren: Eine davon im größeren Maßstab für Wandbehänge, die andere mit kleinerem Motiv für Sessel und Gardinen. Die Bordüre um den Sampler ist einem in der Manufaktur bedruckten Muster nachempfunden.


Das Sticken des Samplers bedarf ca. 250 Stunden Zeitaufwand. Auf die Nadel fertig los!

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Siehe alle Kommentare (3)

quest bars


20.08.2015 20:18:37

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quest bars


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